Pennsylvania Coal Town

Edward Hopper, 1947

 

Der Mann ist müde er hat eben nach
Feierabend die Spüle in seiner Küche
repariert im Haus ist es kühl das Wohnzimmer
liegt bereits im Schatten

er hört das Ticken der Wanduhr
der Fernseher ist aus die Frau
in der Stadt beim Arzt beim Friseur er
könnte es nicht sagen

Tick Tack macht die Uhr
er holt aus dem Keller den Rechen tritt
hinaus auf den Rasen er ist kein Philosoph
was er weiß das weiß er und Punkt

er trägt eine dunkle Weste ein helles
Hemd und er ist kahl auf seiner Glatze
spiegelt sich das Sonnenlicht das jemand
auszugießen scheint das Licht

ist rein wie sein Hemd das Gras unter
seinen Füßen leuchtet er hebt den Blick
er ist die Summe all dessen ohne
es zu ahnen ist er der der er ist

Sommerabend bei Arles

Van Gogh, 1888

 

Ich bin immer nur Sessner und du
für immer Van Gogh wie die Ähren
leuchten kleine Spiegel vor denen
Insekten sich schön machen auf
einem Weg gehen zwei Leute ich
denke mir ein Liebespaar es ist

ein Abend unter vielen das Licht
vielleicht etwas weicher als sonst
in manchen Menschen gibt es
ein Geräusch als würfe jemand
Münzen auf den Tisch und es klingt
wie ein Lachen spöttisch und silbern

und es kehrt nie zurück wie der
Rauch aus den Schlöten der
aufsteigt oder im Dunkeln geflüsterte
Worte von Freude und Glück an
diesem Tag vor Jahren hast du
eingeatmet und heute atme ich aus

Das Mädchen mit der Heinekenflasche

William Eggleston, 1975

 

Er fragt sich wo du bleibst also
wo bleibst du Mädchen am
Morgen räumte er noch deine
Wäsche in den Schrank jetzt
weiß er nicht wohin mit seinen
Händen raucht geht vor die
Tür ob du wohl endlich kommst
der Spätbus hält du steigst
nicht aus und seine Hände
fassen in die Wolken ein kleiner
Finger streift den Mond und
Nachtgeruch so seltsam lässt ihn
kaum mehr atmen und du in
deinem schönen Kleid grün
schillernd wie ein kleiner
Sommertümpel mit kreisenden
Libellen stehst ungerührt im
Rauch der Zigaretten und siehst
dich einen Augenblick lang selbst
im Glas der schon zur Hälfte
leergetrunkenen Flasche die grün
wie dein Kleid in deiner
Hand zu schweben scheint
ihr könntet Schwestern sein

Nachrichten

Nachrichten gibt es von den Gedichten
kaum mehr manchmal schicken sie
jemanden der mich abholen und an
einen Ort bringen soll den ich nicht
kenne ein Wagen hält dann vor meinem
Haus und wartet mit laufendem Motor
oft stundenlang vom Fenster aus kann

ich sehen wie er in der Morgensonne
glänzt es ist verlockend aber hör zu
da geh ich nicht raus lieber putze ich
von oben bis unten das Haus und
gehe dabei verloren Jahre vergehen
bis man mich findet das Haar verfilzt
und abgemagert bist auf die Knochen

bin ich keine Freude für Blicke und
doch ist dies besser als wer weiß wo
zu landen den Lauf einer Pistole am
Hinterkopf und mit verbundenen Augen
den Boden unter den Füßen verlierend
für alle Zeit womöglich in Angst zu leben
sie kriegen mich sie kriegen einen immer

"Nachrichten" erscheint im März im Jahrbuch der Lyrik 2021