Tage

Wo sind die Tage hin gibt es sie noch
irgendwo den Hochzeitstag all die
Geburtstage einen Friedhof für Tage
kann es nicht geben und wer sollte
dort auch die Gräber pflegen niemand

könnte je damit fertig werden Blumen
auf ein jedes zu pflanzen aber ich
habe gehört dass sie als kleine Häuser
in einer Vorstadt stehen dicht aneinander
die Straßen schlecht beleuchtet wie in

einem alten amerikanischen Film jemand
den der Zufall dorthin verschlug erzählte
die Türen waren nur angelehnt und
alle Häuser sahen gleich aus von außen
sodass man leicht die Orientierung

verlor auch gab es keine Geschäfte
nichts wo man ein bisschen plaudern
konnte so fuhr er mit Schrittgeschwindigkeit
immer weiter ließ das Radio laufen bis
ihm das Benzin allmählich knapp wurde

er hätte gern seinen zehnten Geburtstag
noch einmal erlebt von allen Tagen
konnte er sich an diesen am besten
erinnern aber wo sollte er suchen also
drehte er um dachte an diesen Tag vor

fünfundvierzig Jahren an seine Mutter
die dort  womöglich immer noch stand
und bis in alle Ewigkeit den einen Satz
immer und immer wiederholen musste
Jetzt blas doch endlich die Kerzen aus

© Max Sessner
Aus: Langsame Männer
Wenzendorf: Stadtlichter Presse, 2015

Days

Where have the days gone do they still exist
somewhere the wedding day all the
birthdays there cannot be a cemetery
for days and also who would
maintain the graves there no one

could ever finish planting flowers
on each one but I have heard
that they stand as small houses
in a suburb close together
the streets poorly lit like in

an old American film someone
who was accidentally misled there said
the doors were just ajar and
all houses looked the same from the outside
so that one easily lost one’s bearings

also there were no shops
nothing where one could chat a little
so he drove at a walking pace
on and on let the radio play until
his gas gradually ran low

he would have liked to live his tenth
birthday once more of all the days
he could best remember that one
but where should he search so
he turned around thought of that day

forty-five years ago of his mother
who possibly stood there still
and for all eternity had to repeat
the one sentence over and over
Now finally blow the candles out

Translated by Francesca Bell

 

Der GondoliereFoto: Michael Schreiner, aus: SEHEN GEHEN, Michael Schreiner (Fotos), Max Sessner (Gedichte), dussa, 2020

Bildnis einer alten Dame auf einer Parkbank sitzend

So im Vorübergehen sieht man hinter ihrem
Gesicht das immer noch schön ist ein zweites
jüngeres dann ein drittes ein viertes und
zuletzt etwas kleiner das Gesicht eines
Mädchens und küsste sie jetzt ein
längst verlorener Geliebter der
vorüberginge zufällig wie ich es öffnete
sich ihr erstes Gesicht und all
die andern fielen wie Münzen aus einem
Portemonnaie zwischen ihre Füße in den Kies

© Max Sessner
Aus: Langsame Männer
Wenzendorf: Stadtlichter Presse, 2015

Portrait of an Old Woman Sitting on a Park Bench

In passing one sees behind her
face that’s still beautiful a second
younger one then a third a fourth and
last somewhat smaller the face of a
girl and if a lover long since lost
kissed her now passing as I did
by chance her first face
would open up and all the others
would fall between her feet like
coins out of a purse into the gravel

Translated by Francesca Bell

 

 "Kitchens and Trains"

Das Buch erscheint 2023 bei Red Hen Press, Pasadena, Kalifornien
 
Übersetzung von Francesca Bell